„DU SOLLST DIR KEIN BILD MACHEN“
28-teiliger Bildzyklus zur Johannesapokalypse, 2020–2026
Eine zeitgenössische Aneignung der Johannesapokalypse vor Goldgrund
Studio Brigitte Maria Mayer
„Dont let us imagine, we see the sun as the old civilisations saw it“ (D.H. Lawrence)
Am Anfang der Arbeit habe ich mich gefragt: Welche Protagonisten bevölkern die Johannesapokalypse heute? Welche Plagen bringt unsere Gegenwart hervor, neben der sozialen Unterdrückung, der schier unüberwindbaren Kluft zwischen Überfluss und Elend? Hinzugekommen sind Fundamentalismus in Form von Terror, soziale Störung und globale Pandemien, sowie die schleichende Zerstörung aller Lebensgrundlagen.
Wer sind die Geplagten unserer Zeit, die Retter, die Erlöser, die utopischen Figuren, wer oder was bringt Zukunft? Was muss dafür untergehen und müssen nicht auch noch die Toten, die Unerlösten, befreit werden?
Die Johannesoffenbarung ist das Fleisch des neuen Testaments. Härter, nicht auf Harmonie bedacht, körperlicher. Wiedergänger jüdisch/christlich überlagerter Astralmythen blitzen darin auf wie die mit der Sonne bekleidete Frau, die große Göttin des Ostens. Nicht unbefleckte Empfängnis, Schmerz und Verfolgung bestimmen die Geburt des Messias. Kosmische Kräfte, wie Donner und Blitz, sind allgegenwärtig. Tiere bevölkern die Szenerien, wie die Vier Pferde der Apokalypse. Das Pferd, einst Symbol stolzer Herrschaft über unbewusste dunkle Welten und individueller menschlicher Initiationserfahrung, läutet jetzt den jüngsten Tag ein.
Im Gegensatz zu den Evangelien mit ihrer eindeutigen Botschaft, bietet die Johannesoffenbarung einen unerschöpflichen Schatz längst verdeckter Bilderwelten, die sie in ihrem Innersten bewahrt. Es braucht den aktuellen Menschen, der das Buch deutet, seine eigene Utopie darin findet.
Lässt sich die Johannesapokalypse als Buch der Lebenden und nicht als Buch der Toten lesen?
Die Frohe Botschaft der Evangelien wird hier zum apokalyptischen Befreiungskampf für die, die ungebrochen an ihr festhalten in der Gewissheit im absoluten Recht zu sein. Mit dem unverhandelbaren Verlangen nach Würde, Trost und Gerechtigkeit. Mit dem Unterschied, dass Rache in der Johannesapokalypse ein probates Mittel ist.
Das Erlösungsversprechen -vom Kapitalismus gekapert, ausgelagert in Produkte, gekoppelt an Sucht und Rausch ohne Ritual- wird zu seinem uranfänglichen Ursprung, der Wiederkunft Christi, zurückgeführt, mit der am Paulinischen Ende der Zeit das gerechte Reich Gottes beginnen soll.
Während das göttliche Gericht an der Zerstörung der bestehenden Welt, ausgeführt von einer Armee an Engeln, arbeitet, vermisst der Prophet Johannes bereits den goldenen „Bunker“, jene zu retten, die nach dem Jüngsten Tag in das Neue Jerusalem eingehen werden.
Als Hintergrund meiner Arbeit habe mich für einen sakralen goldenen Raum entschieden, der mich fünf Jahre begleitet hat, als Bühne und persönliche Kirche.
Jede Figur darin erzählt über Attribute, Kostüm und Gestik ihre Rolle, ist verdichtet, ist allegorisch. Die streng zentralperspektivische Anordnung der Figuren im Raum, der sie großzügig umrahmt, schafft Distanz zum Betrachter und verleiht ihnen Würde.
Das Neue Jerusalem, eine bessere Welt, liegt in der Verantwortung des Betrachters.
Im Rücken der Liebe, lauert die Macht.
Die Tableaus werden ergänzt/kommentiert von zeitgenössischen apokalyptischen Texten des Dramatikers Heiner Müller.
ER schlachtet seine Nachgeburt den Sohn
Der Tod am Querrholz unserer Sünden Lohn
Die seine Nahrung sind

Ich hab dir Vater etwas mitgebracht
In deinen ewigen Tag aus meiner Nacht
Nichts war nichts ist und nichts wird jemals gut
Siehst du das Kreuz es wartet auf dein Blut

Im Rücken die Ruinen von Europa
